“Selbstüberschätzung” klingt negativ. Prollig. Irgendwie nach “das passiert nur den anderen”. Aber: Selbstüberschätzung kann uns allen begegnen. Zum Beispiel, wenn man mehrere Male mit einem stärkeren Partner oder einer stärkeren Bergführerin unterwegs war und dann das Gefühl hat, allem gewachsen zu sein. Oder wenn es schlichtweg einige Male einfach gut ging.
Ein ähnlich kritischer Zustand entsteht, wenn man sich gängigen Irrglauben hingibt wie zum Beispiel: “Nachstieg ist kein richtiges Klettern” oder “WS-Hochtouren sind langweilig”. Oder wenn man mit dem stärkeren Lebenspartner der Harmonie wegen bei Touren mitgeht, die potenziell über dem eigenen Wohlfühllevel liegen.
Es bleibt ein ungutes Gefühl und die Erkenntnis, dass die Tour eigentlich erst Spaß gemacht hat, als sie vorbei war.
All diese Zustände münden darin, dass wir uns überfordern und potenziell in Gefahr bringen. Das läuft meistens glimpflich ab, aber es bleibt ein ungutes Gefühl und bei genauerem Hinsehen die Erkenntnis, dass die Tour eigentlich erst Spaß gemacht hat, als sie vorbei war.
Ralf Gantzhorn
Erika Dürr
Die langfristige Konsequenz von zu häufiger Überforderung ist allerdings entweder ein ungutes Erlebnis oder aber dass man mit dem Sport irgendwann komplett aufhört. “Warum tue ich mir das an?”, fragt man sich dann. Ja, warum eigentlich?
Die Sucht nach dem Flow
Die meisten Bergsportler sind auf der Suche nach dem Flow. Das Vergessen der Zeit, das vollkommene Aufgehen im Moment, das Völlig-Gewachsen-Sein. Dies ist der Zustand von purer Freude. Wir finden ihn nur, wenn Können und Anspruch der Tour ganz genau zusammen fallen.
So viel Ehrlichkeit darf sein: Auch erfahrene Bergsteiger verschätzen sich manchmal – man ist nicht jedes Mal im Flow. Aber je mehr Routine und Erfahrung man hat, desto häufiger findet man genau diese schillernde Kombination und natürlich wird man danach süchtig. Man fühlt sich so lebendig! Wie aber findet man diese Touren?
Christian Seitz
Für wen gehst Du in die Berge?
Die Antwort auf diese Frage hat viel mit Ehrlichkeit zu tun. Zu sich selbst. “Angenommen, es wird keine Fotos geben, niemand wird es beobachten – niemand wird jemals erfahren, was Du an diesem Tag gemacht hast: Welche Tour würdest Du unternehmen?”. Eine simple Frage. Die doch so viel offenbart.
Die wahren Flow-Momente habe ich erst dann erlebt, als ich angefangen habe, meine Touren selbst zu führen.
Ich selbst habe die wahren Flow-Momente erst dann erlebt, als ich angefangen habe, meine eigenen Touren nicht nur auszuwählen, sondern auch selbst zu führen. Ich war über Jahre mit Stärkeren unterwegs – eine sagenhaft großartige Zeit mit großen Routen- und Bergnamen im Tourenbuch.
Schaue ich aber zurück, waren die Momente des Flows immer dann, wenn ich mit etwa gleichstarken Seilpartnerinnen (in meinem Fall tatsächlich immer Frauen) in Touren unterwegs war, die ich selbst ausgesucht hatte. Dafür hatte ich alle Überlegungen zu Prestige, Bewertung und Bekanntheit der Tour beiseite gelegt und mich einzig gefragt: Worauf habe ich persönlich am allermeisten Lust?
Erika Dürr
Für mich war es irgendwann nicht mehr das anspruchsvolle Alpinklettern in den Wänden der Dolomiten, sondern die (vermeintlich) leichtere Grat-Kletterei in den Hochalpen. Zweier, Dreier-Gelände, mal mit, mal ohne Seil, routiniert, effizient, mit purer Freude. Und stets mit absolut magischen Sonnenaufgängen. Dort fand ich den Flow.
Mein Maßstab für eine gelungene Tour ist inzwischen allein der Grad meiner Freude.
Ich weiß, dass manche in meinem Bekanntenkreis diese Touren langweilig finden (ein Zweier!?!?) oder sie zumindest “auf Zeit machen”, aber der Maßstab für eine gelungene Tour ist weder Prestige noch Schwierigkeitsgrad. Mein Maßstab für eine gelungene Unternehmung ist inzwischen allein der Grad meiner Freude. Und zwar jene, die während der Tour in mir ist. Mir egal, was die anderen davon halten.
Wie findest Du die Tour, die zu Dir passt?
Und wie findet man nun jene Touren, die einem vollständig liegen? Ich denke: durch Erfahrung. Und durch Geduld und Demut.
Ich beobachte viele, die innerhalb weniger Kletterjahre sich schnell an Wände wie Grandes Jorasses oder Drei Zinnen wagen. Gewiss, in heutiger Zeit sammeln viele auch in viel kürzerer Zeit eine stattliche Tourenliste. Es geht meistens ja auch gut. Und wenn nicht, kommt der Heli, die schlüssigen Begründungen sind schnell gefunden. Wenn man allerdings in Steinschlag gerät, zu langsam vorankommt oder man von einer Lawine erfasst wird, spricht das nicht unbedingt für “Pech”, sondern vielleicht auch für eine falsche Einschätzung von Tour, Bedingungen und von sich selbst.
M. Dürr
Erika Dürr
Natürlich passieren diese Dinge auch in Touren, die man selbst und in voller Demut ausgewählt hat. Manchmal verschätzt man sich einfach auch.
Mir ist das vor einem Jahr am Hohlaubgrat am Alallinhorn passiert: Oft als “Einsteiger-Hochtour” deklariert, war in meinem Kopf irgendwie das Bild einer “leichten Unternehmung” entstanden. Ideal für die Kombi mit Gleitschirm. Mit dieser nicht-demütigen Einstellung war ich aber in der Schlüsselstelle, eine Felsstufe, die mit Steigeisen in ein, zwei Seillängen geklettert wird, grenzwertig gefordert. Ich hatte die Tour unter- und mich übeschätzt. Glück für mich, dass der routinierte Ehemann übernahm.
Der Flow? War an diesem Tag eindeutig in einem anderen Tal.
Fehleinschätzungen werden immer passieren, das ist normal. Es war aber ein guter Reminder, demütig zu bleiben und jede Tour ernst zu nehmen. Ansonsten kommt er nämlich doch irgendwann, der Heli.